Tugion der Herzensdrache

Ein Jahr ist es nun schon her, seit die Hexe Traxa und ihr Zauberlehrling Yvox zum ersten Mal den Märlisunntig besuchten. Noch heute denken sie gern an die strahlenden Gesichter der Kinder zurück und wie es Traxa gelang, zum Abschluss ein wundervolles Feuerwerk herbeizuzaubern

Nachdem die beiden all die Gaukler, Musikanten und Geschichtenerzähler ins Märliland zurückbegleitet hatten, flogen sie auf ihren Besen noch eine Ehrenrunde über die funkelnde Stadt und beobachteten die Kinder, wie sie glücklich nach Hause gingen.

Auf dem Heimflug kam Traxa noch eine gute Idee: «Komm Yvox, lass uns ins nächste Tal fliegen, ich möchte dir gern einen alten Freund vorstellen.» Yvox war schon gespannt, wen er da wohl kennen lernen würde. Kaum waren sie über den Berg geflogen, sahen sie unten im Tal aus einer Höhle Rauch aufsteigen. Yvox befürchtete schon, es sei dort ein Brand ausgebrochen, aber Traxa beruhigte ihn sogleich: «Keine Angst, kleiner Freund», sagte sie, «dort wohnt nur Tugion, der Herzensdrache.» Und sie flog direkt auf die Rauchwolke zu. Bei der Höhle angekommen rief sie laut in die grosse, schwarze Finsternis hinein: «Tugion, Tugion, komm heraus! Du hast Besuch!» Es grollte in der Höhle und der Boden begann zu zittern. Das Grollen und Fauchen wurde immer lauter und schon bald streckte Tugion den Kopf zum Eingang der Höhle hinaus. Yvox fand das nicht sehr lustig und versteckte sich erschrocken hinter Traxa.

«Ah, Traxa!», rief der Drache erfreut, «schon lange nicht mehr gesehen! Was macht ihr beiden denn hier in meinem Tal?» Dabei musterte er Yvox mit neugierigen Blicken. „Wir haben den Zuger Märlisunntig besucht“, antwortete Yvox schüchtern. «Märlisunntig? Ach ja», spöttelte Tugion und lachte. «Du musst dich gar nicht darüber lustig machen, Tugion!», mischte sich Traxa ein. «Der Märlisunntig ist ein ganz toller Anlass für Kinder.» «Kinder!?» Tugion wurde nachdenklich und setzte sich. «Ja, Kinder habe ich schon lange nicht mehr gesehen». Traxa wusste das und munterte ihn auf: «Deswegen sind wir hier, Tugion», sagte Traxa, «zum Märlisunntig kommen ganz viele Kinder. Du solltest dir wirklich überlegen, ob du nächstes Jahr nicht auch dabei sein willst.» Yvox konnte sich nun nicht mehr zurückhalten. Voller Begeisterung erzählte er dem Drachen von all den Geschichtenerzählern, den Musikanten, Gauklern und Künstlern. Doch Tugion, der eher zurückgezogen lebte, war nicht so leicht zu überzeugen. Deshalb liess Traxa ihm die MärliZytig da, die sie sich in ihren Mantel gesteckt hatte, und sagte zum Abschied: «Es ist schon spät und wir müssen noch nach Hause fliegen. Aber überleg es dir gut, mein lieber Freund.»

Auf dem Heimflug sah Yvox etwas besorgt aus und Traxa erkundigte sich: «Was hast du denn?» «Glaubst du wirklich, dass es eine gute Idee ist, einen Drachen zum Märlisunntig einzuladen?» Traxa lachte: «Keine Sorge, Tugion ist doch ein Herzensdrache! Früher machte er sich unsichtbar, besuchte traurige Kinder und hauchte ihnen Glück und Freude ins Herz.» – «Glück und Freude in die Herzen der Kinder zu zaubern, das ist doch auch, was die Organisatoren vom Märlisunntig wollen!» «Ja genau, und deswegen ist Tugion genau der richtige Drache für diesen Anlass.» Yvox verstand nun, war aber froh, als sie endlich zu Hause ankamen, denn es war ein langer und ereignisreicher Tag gewesen. Er träumte noch lange vom Märlisunntig und von den vielen Kindern, die nicht viel jünger waren als er.

Tugion ging derweil zurück in seine Höhle, verstaute die MärliZytig auf einem Bücherstapel und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen stand er auf und tat wieder, was er sonst immer tat. Und ganz allmählich geriet der Zuger Märlisunntig ihm wieder in Vergessenheit. Erst nach einigen Monaten, der Sommer neigte sich schon wieder dem Ende zu, kamen Tugion plötzlich Traxas letzte Worte wieder in den Sinn: «Überleg es dir gut!» hatte sie zu ihm gesagt. Schnell lief er in den Höhlenwinkel, in dem er seine Bücher stapelte und suchte nach der Zeitung, die er von Traxa erhalten hatte. Schliesslich fand er sie, etwas zerknittert und verstaubt am Boden liegen. «Zug im Märchenzauber» stand auf der ersten Seite. Das klang verführerisch, denn Tugion liebte jede Art von Zauberei. So setzte er sich also gemütlich in seinen Höhleneingang, auf den die letzten Sonnenstrahlen des Tages fielen, schlug die Zeitung auf und begann zu lesen.

«Ah, Wasserwerke Zug AG, Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug und die Stadt Zug unterstützen den Märlisunntig als Patronatsträger, interessant», dachte er und las erst einmal weiter. Er studierte den Plan mit all den Attraktionen und Märlistuben und fand heraus, dass es am Märlisunntig auch ganz viel zu essen geben sollte. Fasziniert betrachtete er die Fotos von musizierenden Kindern und anderen, die völlig gebannt den Worten einer Märlierzählerin zuhörten. Langsam wuchs seine Begeisterung und er malte sich aus, wie es wohl wäre, wenn er am nächsten zweiten Advent den Märlisunntig besuchen würde. Erschöpft legte er den Kopf auf seine Pranken und träumte schon bald von Kindern, Gauklern und Fabelwesen.

Am nächsten Morgen wachte er später auf als gewöhnlich. Noch ganz benommen von seinem Traum kam er zu der Überzeugung: «Traxa hatte recht: Das muss wirklich ein ganz besonderer Anlass sein.» Diese Patronatsträger, die diesen Anlass mit soviel Engagement unterstützen, beschäftigen ihn. Er wollte gern sehen, was das für Menschen waren und so beschloss er kurzerhand, ihnen einen kurzen Besuch abzustatten.

Auf nach Zug! Sein Weg führte Tugion zuerst zu den Wasserwerken. Viele Leute betraten das moderne Gebäude und Fahrzeuge mit der Aufschrift WWZ kamen und fuhren wieder weg. «Da ist ja richtig etwas los», dachte der Drache bei sich, murmelte den alten magischen Spruch, um sich unsichtbar zu machen, und folgte den Menschen in das Gebäude. In der Eingangshalle entdeckte er einen Bildschirm mit einer Tastatur. Das musste dieser Computer sein, von dem der junge Yvox ihm berichtet hatte. Tugion erinnerte sich auch an Yvox’ Bericht vom Internet. Voller Spannung tippte er ein: www.maerlisunntig.ch – und pling! – erschienen auf dem Bildschirm viele schöne Fotos vom letzten Märlisunntig. Völlig versunken betrachtete er die Bilder, als plötzlich das Telefon läutete. Erschrocken wich Tugion einen Schritt zurück und bemerkte erst jetzt, dass direkt neben ihm ein Mitarbeiter der WWZ einem Kunden geduldig etwas über «Triple play» erklärte. «Das ist eine tolle Firma», dachte sich Tugion, schaute sich noch ein wenig um und beschloss dann, den nächsten Patronatsträger, die Stadt Zug, zu besuchen.

Voller Neugier stieg er in einen Bus und landete am Kolinplatz. Von dort aus ging er zu Fuss weiter zum Stadthaus. «So ein schönes Gebäude!», dachte Tugion bewundernd, als er die Malereien auf der Fassade erblickte. «Da wohnen bestimmt Helden!» Voller Ehrfurcht trat er ein. Auch hier wurde fleissig gearbeitet, Angestellte liefen geschäftig treppauf und treppab. Doch Tugion wollte eigentlich zu den Stadtvätern, um sie zu fragen, warum sie eigentlich diesen Märlisunntig unterstützen. Ganz oben im Dachstock gelangte er zu einer Tür, auf der «Stadtratszimmer» stand. Der Raum war leer bis auf einen grossen Tisch mit vielen Sesseln. Er schaute sich noch um, als sich plötzlich die Tür öffnete und der Stadtrat eintrat. Immer noch unsichtbar kauerte sich Tugion in eine Ecke des Raumes und lauschte gespannt der Sitzung. Spannende Geschäfte wurden da besprochen, wenigstens schauten alle Anwesenden ernst und waren mit Eifer bei der Sache. Worum es ganz genau ging, verstand er allerdings nicht. «Hier werden gute Entscheidungen getroffen», war Tugion überzeugt, «so wie die zur Unterstützung des Märlisunntigs!» Und so verliess er zufrieden das Stadthaus und machte sich auf zur GGZ.

Gemütlich schlendernd suchte sich Tugion seinen Weg quer durch die Zuger Altstadt und vorbei an grossen Einkaufszentren, um schliesslich vor einem Haus mit dem Schild «GGZ Büroservice» zu stehen. «Das muss es sein», dachte er und schlich sich hinein. Wie er so die vielen Leute bei der Arbeit beobachtete, hörte er plötzlich etwas rasseln. «Was machen die da bloss?», fragte er sich verwundert und folgte dem Geräusch in einen grossen Raum. Wow, da wurden ja Buttons hergestellt! «Das muss ich mir doch mal genauer anschauen.», dachte sich der Drache, trat zu einer grossen Schachtel voller Buttons und nahm sich einen heraus. «Zuger Märlisunntig 2006» buchstabierte er vor sich hin und bestaunte dann verwundert das schöne Bild darunter. «Das bin ja ich!» Ganz in Gedanken hielt er den Button fest und flog damit zurück in sein Tal. In seiner Höhle angekommen, dachte er lange darüber nach, was er alles erlebt hatte, legte sich schliesslich müde nieder und schlief erschöpft ein.